{"id":474,"date":"2006-10-10T21:22:26","date_gmt":"2006-10-10T19:22:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bomongo.de\/?p=474"},"modified":"2006-10-10T21:22:26","modified_gmt":"2006-10-10T19:22:26","slug":"schenken-minima-moralia-21","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bomongo.de\/?p=474","title":{"rendered":"Schenken&#8230;Minima Moralia, 21"},"content":{"rendered":"<p><i><b>Umtausch nicht gestattet. &#8211; <\/b><\/i>Die Menschen verlernen das Schenken. Der Verletzung des Tauschprinzips haftet etwas Widersinniges und Unglaubw\u00fcrdiges an; da und dort mustern selbst Kinder mi\u00dftrauisch den Geber, als w\u00e4re das Geschenk nur ein Trick, um ihnen B\u00fcrsten oder Seife zu verkaufen. Daf\u00fcr \u00fcbt man charity, verwaltete Wohlt\u00e4tigkeit, die sichtbare Wundstellen der Gesellschaft planm\u00e4\u00dfig zuklebt. In ihrem organisierten Betrieb hat die menschliche Regung schon keinen Raum mehr, ja die Spende ist mit Dem\u00fctigung durch Einteilen, gerechtes Abw\u00e4gen, kurz durch die Behandlung des Beschenkten als Objekt notwendig verbunden. Noch das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgf\u00e4ltiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Absch\u00e4tzung des anderen und mit m\u00f6glichst geringer Anstrengung ausf\u00fchrt. Wirkliches Schenken hatte sein Gl\u00fcck in der Imagination des Gl\u00fccks des Beschenkten. Es hei\u00dft w\u00e4hlen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Verge\u00dflichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr f\u00e4hig. G\u00fcnstigenfalls schenken sie, was sie sich selber w\u00fcnschten, nur ein paar Nuancen schlechter. Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, da\u00df man nicht wei\u00df, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind beziehungslos wie ihre K\u00e4ufer. Sie waren Ladenh\u00fcter schon am ersten Tag. \u00c4hnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir&#8217;s nicht pa\u00dft, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes daf\u00fcr. Dabei stellt gegen\u00fcber der Verlegenheit der \u00fcblichen Geschenke ihre reine Fungibilit\u00e4t auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der gr\u00f6\u00dferen F\u00fclle von G\u00fctern, die selbst dem Armen erreichbar sind, k\u00f6nnte der Verfall des Schenkens gleichg\u00fcltig, die Betrachtung dar\u00fcber sentimental scheinen. Selbst wenn es jedoch im \u00dcberflu\u00df \u00fcberfl\u00fcssig w\u00e4re &#8211; und das ist L\u00fcge, privat so gut wie gesellschaftlich, denn es gibt keinen heute, f\u00fcr den Phantasie nicht genau das finden k\u00f6nnte, was ihn durch und durch begl\u00fcckt -, so blieben des Schenkens jene bed\u00fcrftig, die nicht mehr schenken. Ihnen verk\u00fcmmern jene unersetzlichen F\u00e4higkeiten, die nicht in der Isolierzelle der reinen Innerlichkeit, sondern nur in F\u00fchlung mit der W\u00e4rme der Dinge gedeihen k\u00f6nnen. K\u00e4lte ergreift alles, was sie tun, das freundliche Wort, das ungesprochen, die R\u00fccksicht, die unge\u00fcbt bleibt. Solche K\u00e4lte schl\u00e4gt endlich zur\u00fcck auf jene, von denen sie ausgeht. Alle nicht entstellte Beziehung, ja vielleicht das Vers\u00f6hnende am organischen Leben selber, ist ein Schenken. Wer dazu durch die Logik der Konsequenz unf\u00e4hig wird, macht sich zum Ding und erfriert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umtausch nicht gestattet. &#8211; Die Menschen verlernen das Schenken. Der Verletzung des Tauschprinzips haftet etwas Widersinniges und Unglaubw\u00fcrdiges an; da und dort mustern selbst Kinder mi\u00dftrauisch den Geber, als w\u00e4re das Geschenk nur ein Trick, um ihnen B\u00fcrsten oder Seife &hellip; <a href=\"http:\/\/www.bomongo.de\/?p=474\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bomongo.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/474"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bomongo.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bomongo.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bomongo.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bomongo.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=474"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.bomongo.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/474\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bomongo.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=474"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bomongo.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=474"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bomongo.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=474"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}