{"id":511,"date":"2007-02-15T14:07:53","date_gmt":"2007-02-15T12:07:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bomongo.de\/?p=511"},"modified":"2007-02-15T14:07:53","modified_gmt":"2007-02-15T12:07:53","slug":"adorno-und-hiroshima","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bomongo.de\/?p=511","title":{"rendered":"Adorno und Hiroshima"},"content":{"rendered":"<p><i>Ich wurde um eine <a href=\"http:\/\/bomongo.blogg.de\/eintrag.php?id=495#k6931120\">Fortsetzung <\/a>gebeten. Das f\u00e4llt mir nicht ganz leicht, allein schon wegen der lauernden Frage: Was muss ich sch\u00fctzen? Die Erfahrung, einmal recht offenherzig geplaudert zu haben und dann ziemlich instrumentalisiert worden zu sein, sitzt tief&#8230;<\/i><\/p>\n<p>In dieser Zeit, gemeinhin Adoleszenz genannt, lernte ich das Verlassen. (\u00dcber lange Jahre sollte ich es zu reichlicher Meisterschaft dabei bringen.) Denn die Zeit der M\u00f6glichkeiten in der engen kleinen Stadt war gez\u00e4hlt ? und damit war es auch Zeit, den eng gewordenen Lehrkosmos des ersten Wanderpredigers aufzusprengen. Seine Wohnung nahe des Gymnasiums war weiterhin ein sicherer Ort ? doch die Faszination lie\u00df nach. (Wirklich interessiert hielten sich nur die Blicke der Eltern, die sich unverdrossen vor dem jugendgef\u00e4hrdenen b\u00e4rtigen D\u00e4mon f\u00fcrchteten.)<br \/>\nEr selbst hatte uns, m\u00f6glicherweise bei Linsen und selbst gemischtem Tee, \u00fcberzeugt, Seminare in einer kirchlichen Bildungsst\u00e4tte zu besuchen.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/data.blogg.de\/1870\/images\/salecinabunt.jpg\" alt=\"\"align=\"left\" \/> Hier wehte uns eine andere Luft, die der Theorie, eine seltsame Mischung aus Abstinenz und rauschhaftem Zugewinn. Versp\u00e4tet, wie Vieles in der Pfalz, daf\u00fcr aber hartn\u00e4ckig sich einpflanzend in recht feurige K\u00f6pfe, wurde nun Adorno und Benjamin, Marx und Hegel und Krahl und Pohrt geboten. Der n\u00e4chste Wanderprediger ? der Hauptamtliche dieser Bildungsarbeit &#8211; war keiner, eher ein strikter Moderator des kritischen Denkens. Wir selbst begannen zu wandern und zu predigen, fuhren in Autos, die sich auf dem Weg in gef\u00e4hrlicher Weise zerlegten, aus den Orten in der Pr\u00e4rie herbei. Missionarisch zogen wir \u00fcber die Pausenh\u00f6fe, um tumbe Mitsch\u00fcler wach zu r\u00fctteln und verwickelten uns in v\u00f6llig erfolglose  Belehrungen unserer verblendeten Eltern. Denn tats\u00e4chlich ? und daf\u00fcr werde ich immer dankbar sein ? er\u00f6ffneten sich ganz neue Perspektiven. Perspektiven daf\u00fcr, wie der eigene Kopf, angeleitet durch die Dokumente des bereits Gedachten, einem steten mulmigen Gef\u00fchl w\u00fcrde trotzen k\u00f6nnen: Denn irgendetwas stimmte ja tats\u00e4chlich nicht in der Welt. Und so war es erstaunlich, dass es sich in Worte fassen lie\u00df. Adornos Aufs\u00e4tze in schmalen Suhrkamp-B\u00e4ndchen hatten wir nun immer in der Tasche, mit unterschiedlichem Flei\u00df wurden S\u00e4tze unterstrichen.<br \/>\nSchwierig war es gleich wohl: Eine Zeit aufsehenerregender Initiation, gekoppelt jedoch mit einem kritischen Nein, so schien es, zu allem freudig Naiven. Unsere Lehrer au\u00dferhalb der B\u00fccher waren keine Adoleszenztheoretiker ? und sie stellten sich nicht die Frage, welch Chaos an Lust und Schmerz dieser Jugendjahre beiseite geschoben wurde, untheoretisierbar in dieser Art ? und dennoch nicht wich. Einmal zerlegte ich mich in dieser Zeit in einen nicht aufh\u00f6ren wollenden Heulkrampf, da nichts mehr m\u00f6glich schien, in einfacher Freude und Euphorie zu erleben.<br \/>\nIn einem fein gesponnenen System gab es Hierarchien unter den Erleuchteten, die sich gegenseitig \u00fcbertrumpften und belehrten. Der \u00dcberflieger schlecht hin studierte bereits in Hannover und fand bisweilen die Zeit, aus der entfernten Gro\u00dfstadt zu kommen und zu uns zu sprechen. Er brachte selbst den Pf\u00e4lzer Hauptamtlichen dazu, hektisch zu nicken und sich in den eigenen zustimmenden Worten zu verhaspeln.<br \/>\nWir fuhren nach Salecina. Sp\u00e4t habe ich dies gefunden: <i>&#8222;Besonders liebevoll registrierte die Polizei Jugendgruppen, beispielsweise die &#8222;Evangelische Sch\u00fclerarbeit Pfalz&#8220; oder eine &#8222;Jugendgruppe Thalwil&#8220;. In den Akten figurieren unz\u00e4hlige Minderj\u00e4hrige.<\/i> J\u00fcrg Frischknecht, <a href=\"http:\/\/www.salecina.ch\/viewdoc.php?f=viewdoc&#038;iddocuments=18&#038;lg=de\">Salecina <\/a>Jubil\u00e4ums-Dokumentation, 1997. Das erf\u00fcllte mich mit sp\u00e4tem Stolz, wie ?ernst? man doch genommen werden kann? Vielleicht waren ja auch die <a href=\"http:\/\/bomongo.blogg.de\/eintrag.php?id=4\">Hubschrauber <\/a>doch vom Verfassungsschutz?<br \/>\nDie meisten von uns waren erf\u00fcllt von Liebesleiden und Liebesb\u00e4ndeln, Verhandlungen unter Nachthimmeln, die n\u00e4her und strahlender waren als jemals gesehen. <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/data.blogg.de\/1870\/images\/salecinarlief.jpg\" alt=\"\"align=\"right\" \/>Das strikte ?einen Gott gibt es nichts, jetzt komm mir nicht damit? unseres kleinst\u00e4dtischen Religionslehrers wurde abgel\u00f6st durch Studien einer negativen Theologie,  eines abwesenden Gottes, fehlende Gewissheiten als einzige. Soviel Sonne und Erhabenheit der Gebirgsz\u00fcge lie\u00dfen eine wirklich schwarze Stimmung nicht aufkommen. (Von unten aus Sils  wehte die Erinnerung an Nietzsche.)<br \/>\nUnd doch kam es irgendwie zum Eklat mit den anderen Teilzeitbewohnern der kleinen H\u00fctten, mit denen Putz- und Kochdienst zu teilen und des Abends gemeinsam ein Plenum zu bestreiten war. Den Eklat kann ich beim besten Willen nicht mehr rekonstruieren. Er hatte etwas mit dem gem\u00fctlichen Gutmenschentum der anderen zu tun ? und den wenig gem\u00fctlichen Auftritten einiger Pf\u00e4lzer Hauptakteure. Der 6. August muss es eindeutig gewesen sein, als wir das Plenum lediglich mit dem Hinweis auf den Todestag Adornos und den Jahrestag der Atombombe von Hiroshima gestalteten, und aus irgendeinem Grund wurde das als au\u00dfergew\u00f6hnlich arrogant aufgefasst. Gleichzeitig wurden \u00f6kologische und feministische Vers\u00e4umnisse unserer Vorderen bemerkt und gegei\u00dfelt, denen von da an die Provokation in \u00f6kologischer und feministischer Hinsicht ein bisschen sehr flott auf der Zunge lag. Das war zwar witziger als die dicker werdende Moralsuppe um uns rum, aber nicht wirklich sinnvoll. In diesen Querelen hielt der kleinst\u00e4dtische Religionslehrer zu den ?Anderen?, und mit ihm nur zwei, drei, die zur Treue begabter waren als ich. In dieser Zeit, gemeinhin Adoleszenz genannt, lernte ich das Verlassen. (\u00dcber lange Jahre sollte ich es zu reichlicher Meisterschaft dabei bringen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wurde um eine Fortsetzung gebeten. Das f\u00e4llt mir nicht ganz leicht, allein schon wegen der lauernden Frage: Was muss ich sch\u00fctzen? 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