Adorno und Hiroshima

Ich wurde um eine Fortsetzung gebeten. Das fällt mir nicht ganz leicht, allein schon wegen der lauernden Frage: Was muss ich schützen? Die Erfahrung, einmal recht offenherzig geplaudert zu haben und dann ziemlich instrumentalisiert worden zu sein, sitzt tief…

In dieser Zeit, gemeinhin Adoleszenz genannt, lernte ich das Verlassen. (Über lange Jahre sollte ich es zu reichlicher Meisterschaft dabei bringen.) Denn die Zeit der Möglichkeiten in der engen kleinen Stadt war gezählt ? und damit war es auch Zeit, den eng gewordenen Lehrkosmos des ersten Wanderpredigers aufzusprengen. Seine Wohnung nahe des Gymnasiums war weiterhin ein sicherer Ort ? doch die Faszination ließ nach. (Wirklich interessiert hielten sich nur die Blicke der Eltern, die sich unverdrossen vor dem jugendgefährdenen bärtigen Dämon fürchteten.)
Er selbst hatte uns, möglicherweise bei Linsen und selbst gemischtem Tee, überzeugt, Seminare in einer kirchlichen Bildungsstätte zu besuchen.
Hier wehte uns eine andere Luft, die der Theorie, eine seltsame Mischung aus Abstinenz und rauschhaftem Zugewinn. Verspätet, wie Vieles in der Pfalz, dafür aber hartnäckig sich einpflanzend in recht feurige Köpfe, wurde nun Adorno und Benjamin, Marx und Hegel und Krahl und Pohrt geboten. Der nächste Wanderprediger ? der Hauptamtliche dieser Bildungsarbeit – war keiner, eher ein strikter Moderator des kritischen Denkens. Wir selbst begannen zu wandern und zu predigen, fuhren in Autos, die sich auf dem Weg in gefährlicher Weise zerlegten, aus den Orten in der Prärie herbei. Missionarisch zogen wir über die Pausenhöfe, um tumbe Mitschüler wach zu rütteln und verwickelten uns in völlig erfolglose Belehrungen unserer verblendeten Eltern. Denn tatsächlich ? und dafür werde ich immer dankbar sein ? eröffneten sich ganz neue Perspektiven. Perspektiven dafür, wie der eigene Kopf, angeleitet durch die Dokumente des bereits Gedachten, einem steten mulmigen Gefühl würde trotzen können: Denn irgendetwas stimmte ja tatsächlich nicht in der Welt. Und so war es erstaunlich, dass es sich in Worte fassen ließ. Adornos Aufsätze in schmalen Suhrkamp-Bändchen hatten wir nun immer in der Tasche, mit unterschiedlichem Fleiß wurden Sätze unterstrichen.
Schwierig war es gleich wohl: Eine Zeit aufsehenerregender Initiation, gekoppelt jedoch mit einem kritischen Nein, so schien es, zu allem freudig Naiven. Unsere Lehrer außerhalb der Bücher waren keine Adoleszenztheoretiker ? und sie stellten sich nicht die Frage, welch Chaos an Lust und Schmerz dieser Jugendjahre beiseite geschoben wurde, untheoretisierbar in dieser Art ? und dennoch nicht wich. Einmal zerlegte ich mich in dieser Zeit in einen nicht aufhören wollenden Heulkrampf, da nichts mehr möglich schien, in einfacher Freude und Euphorie zu erleben.
In einem fein gesponnenen System gab es Hierarchien unter den Erleuchteten, die sich gegenseitig übertrumpften und belehrten. Der Überflieger schlecht hin studierte bereits in Hannover und fand bisweilen die Zeit, aus der entfernten Großstadt zu kommen und zu uns zu sprechen. Er brachte selbst den Pfälzer Hauptamtlichen dazu, hektisch zu nicken und sich in den eigenen zustimmenden Worten zu verhaspeln.
Wir fuhren nach Salecina. Spät habe ich dies gefunden: „Besonders liebevoll registrierte die Polizei Jugendgruppen, beispielsweise die „Evangelische Schülerarbeit Pfalz“ oder eine „Jugendgruppe Thalwil“. In den Akten figurieren unzählige Minderjährige. Jürg Frischknecht, Salecina Jubiläums-Dokumentation, 1997. Das erfüllte mich mit spätem Stolz, wie ?ernst? man doch genommen werden kann? Vielleicht waren ja auch die Hubschrauber doch vom Verfassungsschutz?
Die meisten von uns waren erfüllt von Liebesleiden und Liebesbändeln, Verhandlungen unter Nachthimmeln, die näher und strahlender waren als jemals gesehen. Das strikte ?einen Gott gibt es nichts, jetzt komm mir nicht damit? unseres kleinstädtischen Religionslehrers wurde abgelöst durch Studien einer negativen Theologie, eines abwesenden Gottes, fehlende Gewissheiten als einzige. Soviel Sonne und Erhabenheit der Gebirgszüge ließen eine wirklich schwarze Stimmung nicht aufkommen. (Von unten aus Sils wehte die Erinnerung an Nietzsche.)
Und doch kam es irgendwie zum Eklat mit den anderen Teilzeitbewohnern der kleinen Hütten, mit denen Putz- und Kochdienst zu teilen und des Abends gemeinsam ein Plenum zu bestreiten war. Den Eklat kann ich beim besten Willen nicht mehr rekonstruieren. Er hatte etwas mit dem gemütlichen Gutmenschentum der anderen zu tun ? und den wenig gemütlichen Auftritten einiger Pfälzer Hauptakteure. Der 6. August muss es eindeutig gewesen sein, als wir das Plenum lediglich mit dem Hinweis auf den Todestag Adornos und den Jahrestag der Atombombe von Hiroshima gestalteten, und aus irgendeinem Grund wurde das als außergewöhnlich arrogant aufgefasst. Gleichzeitig wurden ökologische und feministische Versäumnisse unserer Vorderen bemerkt und gegeißelt, denen von da an die Provokation in ökologischer und feministischer Hinsicht ein bisschen sehr flott auf der Zunge lag. Das war zwar witziger als die dicker werdende Moralsuppe um uns rum, aber nicht wirklich sinnvoll. In diesen Querelen hielt der kleinstädtische Religionslehrer zu den ?Anderen?, und mit ihm nur zwei, drei, die zur Treue begabter waren als ich. In dieser Zeit, gemeinhin Adoleszenz genannt, lernte ich das Verlassen. (Über lange Jahre sollte ich es zu reichlicher Meisterschaft dabei bringen.)

Auf jeden Fall

werde ich ab sofort, wo ich doch sowieso nicht schlafen kann, einfach 24 Stunden lang alle unerledigten Aufgaben wie aufräumen, ausmisten, Briefe schreiben, Job suchen, spülen, Wäsche waschen, ganz ehrlich zu mir sein, das Bad reinigen, Zimmer umräumen, mehr „Gesundes“ essen, Freunde treffen, die Hoffnung nicht aufgeben, nicht mehr beleidigt sein, mehr Aufmerksamkeit für …

Schenken…Minima Moralia, 21

Umtausch nicht gestattet. – Die Menschen verlernen das Schenken. Der Verletzung des Tauschprinzips haftet etwas Widersinniges und Unglaubwürdiges an; da und dort mustern selbst Kinder mißtrauisch den Geber, als wäre das Geschenk nur ein Trick, um ihnen Bürsten oder Seife zu verkaufen. Dafür übt man charity, verwaltete Wohltätigkeit, die sichtbare Wundstellen der Gesellschaft planmäßig zuklebt. In ihrem organisierten Betrieb hat die menschliche Regung schon keinen Raum mehr, ja die Spende ist mit Demütigung durch Einteilen, gerechtes Abwägen, kurz durch die Behandlung des Beschenkten als Objekt notwendig verbunden. Noch das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt. Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr fähig. Günstigenfalls schenken sie, was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter. Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind beziehungslos wie ihre Käufer. Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag. Ähnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür. Dabei stellt gegenüber der Verlegenheit der üblichen Geschenke ihre reine Fungibilität auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist.

Gegenüber der größeren Fülle von Gütern, die selbst dem Armen erreichbar sind, könnte der Verfall des Schenkens gleichgültig, die Betrachtung darüber sentimental scheinen. Selbst wenn es jedoch im Überfluß überflüssig wäre – und das ist Lüge, privat so gut wie gesellschaftlich, denn es gibt keinen heute, für den Phantasie nicht genau das finden könnte, was ihn durch und durch beglückt -, so blieben des Schenkens jene bedürftig, die nicht mehr schenken. Ihnen verkümmern jene unersetzlichen Fähigkeiten, die nicht in der Isolierzelle der reinen Innerlichkeit, sondern nur in Fühlung mit der Wärme der Dinge gedeihen können. Kälte ergreift alles, was sie tun, das freundliche Wort, das ungesprochen, die Rücksicht, die ungeübt bleibt. Solche Kälte schlägt endlich zurück auf jene, von denen sie ausgeht. Alle nicht entstellte Beziehung, ja vielleicht das Versöhnende am organischen Leben selber, ist ein Schenken. Wer dazu durch die Logik der Konsequenz unfähig wird, macht sich zum Ding und erfriert.