6 Jahre: H u h !

Indes der Stolze lässig dagesessen
Drang er in Mädchen mit Verführerblicken
Sah täglich zehn und hatte zehn vergessen
Doch wollte jede ihn so gern beglücken

Daß er nachts träumt von einer Riesenkuh
Und seine Unschuld fahndet nach dem Grund
Der Lüsternheit, indes ihn jene immer
Schmählicher unterwerfen. Immer schlimmer
Wie eine große Hündin spielt mit einem kleinen Hund.
H u h !
Ernst Fuhrmann

Einer von uns

Er gehörte von Anfang an dazu. Seit 1969 in Frankfurt, der Buchladen in der Jügelstraße, die Wohngemeinschaft in der Seestraße. Beim Pfingstkongreß war es sein Ding die Getränkeversorgung zu organisieren: Auf dem WG-Tisch dann abends das Geld, eimerweise. Einmal hatte ich ihn für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels vorgeschlagen, war es nicht so?
Am Montag auf der Leipziger erkannte er mich, ich ihn erst nach 2 Sekunden. Er schiebt sein Fahrrad. Erzählt wie es ist: Auf der Straße, vom Norden bis nach St.Maries-de-la-Mer. Der Süden sei angenehm, die Leute freundlicher, z. B. am Starnberger See. Ich gebe ihm ein Bier beim Türken aus, er trinkt es in der Stunde langsamer aus als ich meins. Wir rekonstruieren einige unserer Begegnungen mit WG-Mitbewohnern, Geschäftspartnern, Lese-Erinnerungen: „Ich lese viel.“ Die Höhe seiner Rente schaut er sich nicht an. Heute, bei dem schönen Wetter, wird er draußen schlafen. „Ich habe einen guten Schlafsack.“ Morgen hat er in Bad Homburg einen Termin „wegen den Zähnen.“ Er hofft auf eine Lösung dafür. Ich frage ihn nicht, ob er nicht bei uns übernachten will.
Es geht im gut, sagt, er und „Na ja, doch wirklich.“ „Ich habe es geschafft.“

Versetzen?

Nur Berge streiten sich nie. Sie sehen sich aus der Ferne an und glauben, alle Berge wären sich ähnlich. Sie können einander nicht begegnen. Anders der Mensch. Je näher einer dem anderen kommt, desto mehr kann er ihn nicht nur beglücken, sondern auch verletzen.
Rafik Schami, Als der Meister auftrat.
In: Das letzte Wort der Wanderratte (!)